Waehltverablog


Ein Nachmittag in Kreuzberg mit Anette (1)

Posted in Friedrichshain-Kreuzberg von waehltvera - 19. Juni 2009

20062009(001) Anette lebt in Kreuzberg seit 1976, ich will es kennenlernen. Was liegt da näher als eine gemeinsame Fahrradtour? Heute soll es das idyllische Kreuzberg sein, wie es nicht der allgemeinen Vorstellung entspricht. Los geht’s in der Stresemannstraße, wo Anettes Mann ein wunderbares Gründerzeithaus restauriert hat. Im Garten des Hauses finden sich Eisenstrukturen aus der Markthalle, die der alte Friedrichstadtpalast früher war und die der Architekt beim Abriss noch zu DDR-Zeiten gerettet hat. Dabei musste er die Hilfe des Bereichs „Kommerzielle Koordinierung“ des SED-Devisenbeschaffers Alexander Schalck-Golodkowski in Anspruch nehmen. Was soll’s, auf diese Weise sind Zeugnisse der Berliner Baugeschichte nicht in der Schrottpresse gelandet. Einfacher war es mit den Trägerelementen des Anhalter Bahnhofs von nebenan, über den Mayer seine Doktorarbeit geschrieben hat. Anhalter-Mayer, wie der Architekt nach seiner erfolgreichen Promotion auch heißt, hatte mit denen weniger Schwierigkeiten, sie vor der Westschrottpresse zu retten. Oder wäre es gar dieselbe gewesen, weil Westberlin gern in der DDR verschrotten ließ? Wie dem auch sei, zwei schöne Stücke Bau-Kunst sind durch die Initiative eines Einzelnen erhalten geblieben.
Durch die Großbeerenstraße fahren wir durch das Viertel, in dem alle Straßen und Plätze an die Befreiungskriege erinnern, oder erinnert haben, denn der Belle-Alliance-Platz heißt heute Mehring-Platz, als würde es nicht genügen, eine Straße nach dem führenden Spartakisten, der mit dem Spartakus-Aufstand gegen die Demokratie Front machte, benannt zu haben. Schöne , meist gut restaurierte Gründerzeithäuser sehen wir im Vorbeifahren. In einem davon hat Dirk Schneider gewohnt, 68er Aktivist und ebenso aktiver Stasispitzel. Mir fällt wieder auf, wie sehr die Hasser des westlichen Systems seine Vorteile, schöne Wohnungen zu bieten, doch zu schätzen wussten.
Auf der Yorckstraße erläutert mir Anette die Grundrisse der Stadt, wie wir sie von Lenné und Hobrecht zu verdanken haben. Die beiden Genies haben dafür gesorgt, dass Berlin eine grüne, gut belüftete und damit gesunde Großstadt wurde. Bei der Planung wurden systematisch Grünpfeile vorgesehen, die sich verjüngend bis ins Zentrum vorstoßen. Später sind einige dieser Grünzüge von weniger talentierten Stadtplanern zugebaut worden, aber das Meiste ist noch vorhanden. Auch die großzügigen Sichtachsen, die mir nie bewusst geworden sind, als ich noch hinter der Mauer saß. Der „Generalszug“, benannt nach den Befreiungskriegsgenerälen Yorck und Gneisenau, ist eine davon. Die Straßen sind von vornherein mit breiten Grünstreifen in der Mitte angelegt worden.
Anettes Idee ist, auf dem Generalszug ein grünes Band durch Berlin zu legen, von der Hasenheide bis zum Victoriapark. Eine breite Fußgänger- und Fahrradzone. Für den Autoverkehr gäbe es andere Ost-West-Straßen.

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Wir erweisen am Rathaus Kreuzberg, einem scheußlichen Bau aus den Siebzigern, dem Bürgermeister Herz die Ehre, der als jüdischer Bürgermeister am 10. März 1933 von der SA aus dem Amt gejagt und öffentlich misshandelt wurde. Wir werfen noch einen Blick in die wunderschöne , ruhige Hornstraße, bevor wir zu Riehmers Hofgarten hinüberfahren. Beim anschließenden Besuch im Antiquariat in der Hagelberger Straße, das wir vor allem betreten haben, weil ich die Einbauten des ehemaligen Kolonialwarenladens bewundern wollte, erfahren wir, dass bis zu seinem Tode Jurek Becker um die Ecke gewohnt hat.

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Seine Wohnung verfügte über eine wundervolle, extra eingefügte Bibliothek, die der Hausbesitzer dem Antiquariat zum Ausbau angeboten hat. Sie haben abgelehnt, weil die Bibliothek für den Raum entworfen war, in dem sie sich befand. Wir können nur hoffen, dass die Wohnungsnachfolger den vorgefundenen Schatz zu würdigen wussten. Im Antiquariat wurde gerade der Nachlass von Rosa von Praunheim Angeboten, u.a. jede Menge Biografien. Ich nehme Walter Laqueurs Stalin-Buch mit, das sich noch in seiner Schutzfolie befand, von Praunheim also definitiv nicht zur Kenntnis genommen wurde und die Biografie von Angelica Domröse, die einige Benutzerspuren aufweist.
Dann geht’s zum Victoriapark, dem vorläufigen Höhepunkt unserer Tour. Im Spätnachmittagslicht tummelt sich Kind und Kegel auf den Wiesen. Wir schieben unsere Räder bis ganz nach oben, wegen des tollen Ausblicks, bis zum Gendarmenmarkt.

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Natürlich bewundern wir den Weinberg und zollen der Investition Respekt, die den alten Industriestrukturen ein neues Leben eingehaucht hat. Noch mehr hätte uns gefreut, wenn die modernen Ergänzungsbauten nicht gar so einfallslos daherkämen.
Ich freue mich darauf, demnächst mit den Machern von „Unterwelten“ die unterirdischen Etagen kennenlernen zu können.

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Eine Antwort to 'Ein Nachmittag in Kreuzberg mit Anette (1)'

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  1. waehltvera said,

    Hallo Frau Lengsfeld,

    das ist ja toll, dass Sie meine zweite Heimat, in der ich – getrennt durch über 10-jährige Abwesenheit – mittlerweile gut 15 Jahre meines Lebens verbracht habe, so ausführlich beschreiben! In der Hornstraße lebte ich in den 80-er Jahren, und damals schloss ich mich auch – wie tausende anderer Akademiker-Söhne und -Töchter aus bürgerlichen Familien – für einige Monate der Berliner Alternativen Liste (den damaligen Berliner Grünen) an. So erlebte ich die Kreuzberger Grünen in all ihrer Frühblüherpracht.

    Auf den Versammlungen hatte ich das Gefühl, es handle sich um einen außerordentlich straff geführten Verein, dessen unbezweifelbare Grundüberzeugungen einen recht autoritär durchgesetzten programmatischen Kurs vorgaben. Den von Ihnen genannten Dirk Schneider erlebte ich als dominanten machtbewussten Redner. Ich bestaunte ihn – „ein leibhaftiger Bundestagsabgeordneter!“ – häufig beim Einkaufen bei Kaiser’s in der Großbeerenstraße: er trug stets einen mit rot-weiß gemustertem Tuch ausgelegten Rotkäppchen-Einkaufskorb, keine umweltschädlichen Plastiktüten.

    Aber ich hatte bald ein dumpfes Gefühl: Irgendetwas stimmte nicht bei den Kreuzberger Grünen. Sie waren autoritär – es gab eine klare Binnenhierarchie. Oft hatte ich das Gefühl, es ginge eigentlich um etwas ganz anderes, als in den endlos langen Debatten besprochen wurde – eine Art versteckte Tagesordnung, die ich nicht durchschaute. Und andererseits wollten sie basisdemokratisch sein? Ich verstand das nicht und verließ die AL nach wenigen Monaten wieder.

    Mein Vater hatte mich gewarnt: „Die Grünen sind doch alle kommunistisch unterwandert!“ Ich pfiff auf die Warnungen meines Vaters. Ich war ein Umweltschützer von echtem Schrot und Korn! Mit den „Altparteien“, den betonverliebten, als korrupt verschrieenen SPD- und CDU-Riegen, wollte ich nichts zu tun haben. Nach dem Mauerfall kam heraus: Die Warnungen waren berechtigt, die AL war wie andere Berliner Institutionen durch Tarnorganisationen der DDR unterwandert, und der von mir naiv angestaunte „echte“ Bundestagsabgeordnete aus Fleisch und Blut stand im Sold der Stasi.

    Heute meine ich: in allen Parteien kann man etwas für den Umweltschutz, für das Radfahren und für die Vermeidung von Plastiktüten tun. Umweltschutz ist eine Querschnittsaufgabe, der sich keine Partei entziehen kann. Das Radfahren erlebt eine Renaissance und hat es sogar als Schlüssel einer nachhaltigen Verkehrspolitik in die Leitanträge der CDU geschafft. Und die bürgerlichen Städtebauer aus der Bismarck-Zeit setzten kühne weitreichende Entwürfe zum gesunden Leben in einer damals riesigen Vier-Millionen-Stadt um, von denen wir heute noch Nutzen ziehen.

    Ihr schöner Bericht war mir ein willkommener Anlass, noch einmal Rückschau auf meine damalige grünbewegte Zeit zu halten. Dafür danke ich Ihnen.

    Beste Unterstützer-Grüße, Ihr Johannes Hampel


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