Waehltverablog


Ein Vormittag im Charly M. mit Florian Havemann

Posted in 1 von waehltvera - 7. September 2009

 „Alle erinnern sich, wir auch!“, heißt die Reihe , die sich das Kabarett Charly M. in der Karl-Marx-Allee  anlässlich des 20. Jahrestages des Mauerfalls ausgedacht hat. Es wurde ein Vormittag mit „geradezu literarischen Dimensionen“, wie mit ein Zuhörer hinterher schrieb.Havemann und ich sind ein Jahrgang und nur wenige Kilometer voneinander entfernt aufgewachsen. Er am Beginn  der privilegierten Stalinallee, ich neben dem hinteren Teil, wo die Stalinbauten schon von Gründerzeithäusern abgelöst worden sind. Er in einer Familie des sozialistischen Adels, ich als Abkömmling des treuen Fußvolks. Wir sind uns in der DDR vermutlich nie begegnet, aber 1968 wurde er für mich zur Legende, als er mit zwei meiner Mitschülerinnen Flugblätter gegen den Einmarsch der Sowjets in die CSSR und die damit verbundene gewaltsame Beendigung des „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ verteilte und dafür im Stasiknast landete. Nach seiner Haftentlassung hatte er sehr bald die Nase voll von der DDR und nahm sich die Freiheit, abzuhauen. Das brachte ihm das giftige Lied von Wolf Biermann vom „kleinen Flori Have“ein, das ihm der Sänger des DDR-Widerstands bis heute nicht verzeihen kann. Das war aber kein Thema, sondern wir sprachen darüber, wir den untergegangenen  Staat erlebt haben, warum Havemann ihn schon früh aufgegeben hat, als ich ihn noch verbessern wollte. Es wurde ein sehr interessanter Geschichtsexkurs. Kontrovers wurde es erst, als wir zu der Frage kamen, warum Havemann heute  die Linke unterstützt, während ich diese Partei nach wie vor für mehr SED als runderneuert halte. Ich wäre ja froh, wenn H. Recht hätte in der Annahme, die PDS hätte die Funktion gehabt, die SED-Nomenklatura in die Demokratie zu führen und hätte ihre Aufgabe jetzt erfüllt.Wäre also eigentlich überflüssig. Leider spricht zu Vieles dagegen. Das alte Personal, die nach wie vor verschwundenen SED-Milliarden, der angestrebte Systemwechsel, das Programm, das trotz der neumodischen Formulierungen weitgehend das alte ist. Immerhin hat mich Havemann in einem Punkt überzeugt: die Linke ist nicht mehr die straff geführte Kaderpartei, die sie als SED mal war. Statt dessen ist sie ein ziemlich chaotischer Haufen, der kaum in der Lage ist, an einem Strang zu ziehen, dafür wenigstens sporadisch offen für Debatten. Wenn die alten Kader endgültig das Heft aus der Hand legen,  wird die Partei vielleicht durch die Hintertür in der Demokratie ankommen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: