Waehltverablog


Freiheit lebenslang!

Posted in Allgemein von waehltvera - 15. August 2009

Las eben ein sehr gutes Interview mit Hans-Joachim Maaz heute in Spiegel online! Der in der DDR aufgewachsene Psychotherapeut schildert eindrücklich, dass die Gewinnung von innerer Freiheit ein mühseliger, über Jahre und Jahrzehnte sich erstreckender, bewusst angestrebter Prozess sein muss. Klasse! Dieser Prozess sei noch nicht bewältigt, ja eigentlich kaum begonnen, sagt Maaz.

Was mir weniger gefällt, ist, dass er behauptet, „die Ostdeutschen“ hätten noch viel nachzuholen, „die Westdeutschen“ hingegen seien da schon wesentlich weiter. Dass er die Westdeutschen als Obertane, die Ostdeutschen als Untertane bezeichnet. Ich glaube nämlich, dass wir Deutsche überhaupt den vollentwickelten Begriff von Freiheit, wie er an der Wurzel des Grundgesetzes steht, teilweise verloren haben. Der eine mehr, der andere weniger. Einen Mangel an innerer Freiheit erkenne ich immer dann, wenn Menschen alles den Umständen zuschieben, Umstände nicht als veränderbar begreifen. Und dieses Denken ist allzu weit verbreitet. Als Bundestagskandidatin trete ich dafür ein, dass wir alle – Ost- und Westdeutsche – einen starken, einen vollentwickelten Begriff von Freiheit erobern müssen. „Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss.“ Diese Schlussszene des Faust haben wir alle in der DDR im letzten Schuljahr gelesen. Wobei uns dann weisgemacht wurde, die DDR sei die Vollendung des Faustischen Freiheitsstrebens.

Ich bin für die Freiheit. Freiheit gegen alle Bevormundung, gegen Eingriffe und Übergriffe des Staates, gegen den Irrglauben, der Staat könne und müsse alles behaglich und sicher und gerecht für uns einrichten.

Oft werde ich gefragt: „Sind Sie gegen Gerechtigkeit? Sie sagen: Freiheit und Fairness statt Gerechtigkeit und Gleichheit. Sie sind gegen das Grundgesetz!“

Darauf erwidere ich: Das staatliche Bestreben, möglichst große Gleichheit und vorgebliche Gerechtigkeit (aber welche?) herbeizuführen, ist immer wieder in größte Ungerechtigkeit, in staatlich gedecktes Unrecht, in brutalsten Terror umgeschlagen. Das gilt für die Französische Revolution von 1789, die zur Herrschaft des Schreckens und dann zu einer neuen Monarchie führte, es gilt auch für die gewaltsame russische Oktoberrevolution von 1917, die in eine neuartige, so nie dagewesene totalitäre Diktatur mündete.

Ich vertrete in der Tat die Meinung, dass Freiheit der übergeordnete Wert ist. Nur da, wo echte äußere UND innere Freiheit herrscht, können wir die Voraussetzungen für Gerechtigkeit schaffen. Im vollen Wissen, dass der Staat zwar sehr wohl das Recht sichern und schützen muss, aber nicht vollkommene Gerechtigkeit herstellen kann.

Aber lest selbst einen Abschnitt aus dem spannenden Interview mit dem Psychologen Maaz:

SPIEGEL ONLINE: Am meisten sind die Ostdeutschen über ihre mangelnden politischen Einflussmöglichkeiten enttäuscht. Nach einer aktuellen Studie sind nur elf Prozent mit der Demokratie und nur sieben Prozent mit ihrem politischen Einfluss zufrieden. Wollen die Ostler wirklich Partizipation?

Maaz: Sie können es noch nicht wirklich. Nach der verständlichen Enttäuschung und Ernüchterung über den Westen müsste eine kritische Auseinandersetzung folgen. Uns fehlt noch eine reife Ablösung vom autoritären Syndrom, ein 1968-Ost, wie es auch im Prager Frühling aufschien. Die noch nicht bewältigte Unterwerfung blockiert Selbstbewusstsein und Kreativität. Erst wenn wir das nichtheldenhafte Verhalten in der DDR kritisch analysieren, werden wir auch reif, uns mit den westlichen Strukturen offen auseinanderzusetzen.

“Viele Ostdeutsche sind nicht geheilt” – einestages

Was meint Ihr? Fühlt Ihr Euch frei? Mich interessiert, was Ihr von meinem Freiheitsbegriff haltet. Schreibt uns an dieses Blog.

Eure Vera

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Eine Antwort to 'Freiheit lebenslang!'

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  1. Manu said,

    Wohin uns die Bevorzugung von Freiheit gegenüber Gleichheit und Gerechtigkeit gebracht hat, erkennt man ja sehr gut in der neoliberalen Ideologie und ihrem Scheitern (Finanzkrise).

    Mehr Freiheit macht nur dann Sinn, wenn ALLE von ihr partizipieren können, nicht nur diejenigen die von zuhaus aus mit einem Überfluss an Möglichkeiten ausgestattet sind.

    Freiheit sollte vor allem für perspektivlose und finanziell benachteiligte Menschen gewährleistet werden. Da wären wir dann bei der Gleichheit / Gerechtigkeit. Reiche Menschen profitieren schon automatisch durch ihr soziales Umfeld und ihre finanziellen Mittel von einem Mehr an Freiheit.

    Schade, das die CDU die sich als christliche Partei bezeichnet in diesem Punkt kein Verständnis zeigt und die Arm-/Reich-Schere noch weiter auseinandertreibt indem sie Gleichheit und Gerechtigkeit vernachlässigt (auf Kosten der Armen). Ein großer Widerspruch eigentlich.

    War es nicht Jesus der behauptete das eher ein Kamel durch ein Nadelöhr käme als ein Reicher ins Himmelreich? …


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