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Faschisten raus aus Friedrichshain-Kreuzberg!

Posted in Allgemein von waehltvera - 22. Juli 2009

Mit wahrer Inbrunst werden in Teilen Berlins bis zum heutigen Tage die Faschisten bekämpft. Antifa-Initiativen kämpfen nicht gegen das Deo Fa, sondern gegen die üblen Faschisten, die angeblich überall hervorlugen. Poveri italiani, denkt sich jeder, der das schöne Italien liebt. Sind alle schwarzgekleideten Hooligans Italiener? Vor allem die Italiener selbst, die unser nördliches Land besuchen, fragen mich immer wieder erstaunt, wenn sie von der neuesten Antifa-Demo hören: “ Was habt ihr gegen uns Italiener? Die Faschisten gibt’s bei uns schon lange nicht mehr. Ihr seht Geister! “

Jedoch weiß jeder, der die früheren sozialistischen Länder bereist hat, dass die Selbstbezeichung Nationalsozialismus nicht verwendet wurde. Sie musste durch Begriffe wie Nazismus, Nazifaschismus, Hitlerfaschismus, Faschismus oder ähnliches ersetzt werden. Jeder Hinweis auf die offenkundigen Ähnlichkeiten zwischen dem realen Sozialismus und dem Nationalsozialismus hatte zu unterbleiben.

Warum war das so? Einen wertvollen begriffsgeschichtlichen Hinweis liefert heute in der Jungen Welt der bekannte Politologe Ludwig Elm:

Nicht zuletzt mit Rücksicht auf beträchtliche Teile der Anhänger- und Wählerschaft der Mitte-Rechts-Koalitionen im Bund und in einigen Ländern wurden im Sprachgebrauch der Bundesrepublik die Selbstbezeichnungen der Nazis für ihr verbrecherisches Regime umstandslos beibehalten: »Nationalisozialismus«/»Drittes Reich«.

via 22.07.2009: Deutsche Kontinuitäten (Tageszeitung junge Welt).

In der Tat: Die Selbstbezeichnung der deutschen Nationalsozialisten war – Nationalsozalisten. Sollte man ihnen den selbstgewählten Namen absprechen?

Immer wieder beklagt man, dass ganze Völker und auch  wichtige politische Richtungen durch die Sieger ihrer Selbstbezeichnung beraubt würden. Dass ganze Gruppen nicht mehr ihren eigenen, selbstgewählten Namen tragen dürfen, wird als Diskriminierung empfunden.  Deshalb spricht man heute auch nicht mehr von Zigeunern (also „Unberührbaren“), sondern von Sinti und Roma (Menschen). So sollte man heute nicht mehr von Eskimo (also verächtlich „Rohfleischessern“) sprechen, sondern von Inuit (also Menschen). Die Indianer nennen sich nicht mehr Red Indians sondern First Nation People. Die selbstgewählte Bezeichnung genießt Vorrang vor Fremdbezeichnungen.

Was für Völker gilt, sollte auch für politische Bewegungen gelten! Nach dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion 1941 wurde innerhalb der kommunistischen Bewegung in einem gewaltigen Kraftakt die Selbstbezeichnung der deutschen Nationalsozialisten aus dem Sprachgebrauch getilgt und durch die italienische Bezeichnung Faschisten ersetzt. Faschismus galt fortan als notwendige Spätform der Kapitalismus, auf den früher oder später der Sozialismus folgen müsse.

Die Herkunft sowohl des italienischen Faschismus wie des deutschen Nationalsozialismus aus der Gedankenwelt des wesentlich älteren Sozialismus wurde nunmehr systematisch unterschlagen. Dabei war Mussolini selbst einige Jahre lang Mitglied der Sozialistischen Partei Italiens gewesen, sagte sich aber von den Sozialisten los, weil sie die nationale Begeisterung nach dem Seitenwechsel im Großen Krieg nicht mittragen wollten.  Hitlers Spießgesellen wählten den Namen NSDAP – National-Sozialistische Deutsche Arbeiterpartei (bis 1920 nur DAP Deutsche Arbeiterpartei) – mit vollem Bedacht. Sie wollten eine echte, allerdings nationalistische Alternative zum Internationalismus der sozialistischen Bewegung schaffen. Sie traten dabei in einen Wettstreit mit ihren ärgsten Rivalen: den Kommunisten. Wie die Kommunisten taten sie alles, um der verhassten Weimarer Republik einen schmählichen Untergang zu bereiten.

Die deutschen Nationalsozialisten setzten vom ersten Anfang ihrer Tätigkeit an auf eindeutig verbrecherische Methoden. Systematischer Rechtsbruch waren ihre Mittel der Wahl: Störung und Sprengung von Veranstaltungen der Gegner, maßlose Hetze, Zersetzung, Beschädigung von Immobilien, Plündereien, übelste Propaganda, Verleumdung, Verschwörung, Staatsstreich, Morde. Auch die Kommunisten waren ab 1917 in vielen europäischen Ländern bei ihren Methoden der Machtergreifung nicht wählerisch. Die Revolution ist eben nicht mit Rosenwasser getauft – wie Rosa Luxemburg so treffend und hellsichtig vorausgesehen hatte.

Grundgedanke der nationalistisch-rassistischen Varianten des Sozialismus war: Weg von „Zuerst Klassenkampf, dann  Sozialismus!“ Hin zu „Zuerst Kampf der Nationen, Kampf der Rassen, dann eine Art Sozialismus“. Das war die Grundformel der Deutschen Arbeiterpartei, die sich höchst bewusst dann in Nationalsozialistische Arbeiterpartei umbenannte. Sie ersetzte also nahtlos den absoluten Vorrang der Arbeiterklasse durch den absoluten Vorrang der eigenen Nation, der eigenen Rasse. Das Rezept ging auf: in Italien, in Deutschland, in Ungarn, in Polen, in den meisten europäischen Ländern außer Großbritannien und der Tschechoslowakei kamen nach dem Großen Krieg nationalistisch-kollektivistische Regierungen an die Macht. Sie alle übernahmen wesentliche Bestandteile der sozialistischen Ideen und formulierten sie nationalistisch und rassistisch um.  Sie errichteten nationale Ein-Parteien-Diktaturen, die der sowjetischen Ein-Parteien-Diktatur in vielem verblüffend ähnlich waren.

Es ist interessant, wie die kommunistische Partei Russlands dieses Erfolgsrezept strategisch und auch sprachlich einige Jahre nachzuahmen versuchte, indem sie bis zum Überfall des Deutschen Reiches von Nationalbolschewismus sprach – in klarer Anlehnung an das siegreiche Rezept des Nationalsozialismus. Fast hätte die Sowjetunion den Begriff Sozialismus preisgegeben!

Die Sowjetunion war ab 1917 eine diktatorische Einparteienherrschaft, wie das sogenannte Dritte Reich auch. Wie das sogenannte Dritte Reich errichtete sie ein umfassendes System an Lagern und Zwangseinrichtungen. In diese Lager und Zwangseinrichtungen wurde Hunderttausende von echten und vermeintlichen Gegnern des Regimes gesteckt. Viele Hunderttausende überlebten die Strapazen nicht und starben in Lagern, Gefängnissen und Folterkellern.

Oft wird gesagt: „Die kommunistischen Staaten haben im Gegensatz zum nationalsozialistischen Deutschland keine Kriege vom Zaun gebrochen und auch nicht Millionen an unschuldigen zivilen Opfern zu Tode kommen lassen.“ Beides stimmt nicht. Wie das Deutsche Reich, so überzog auch die Sowjetunion angrenzende Länder wie Finnland und Polen bereits vor 1941 mit verbrecherischen Angriffskriegen. Und die Geheimpolizeien der Sowjetunion, die Hinrichtungskommandos, das riesige Lagersystem, die bewusst herbeigeführten Hungersnöte in der Ukraine, die Zwangsumsiedlungen haben sehr wohl Millionen und Millionen von zivilen Todesopfern hinterlassen. Die Strukturähnlichkeit zwischen Sowjetkommunismus und Nationalsozialismus lag allen Zeitgenossen klar vor Augen. Alles schien jedoch bis 1941 auf ein friedlich-schiedliches Auskommen der beiden Großdiktaturen hinauszulaufen.

Erst nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion änderten sich die militärischen und kommunikativen Strategien erheblich. Die Waffenbrüder Hitler und Stalin wurden von einem Tag auf den anderen erbitterte Feinde. Das verlangte eine völlige Revision der Sprache. Fortan war nicht mehr von Nationalsozialismus zu sprechen, sondern nur noch von Faschismus, Hitlerfaschismus, deutschem Nazifaschismus und ähnlicher Begriffskosmetik mehr.  Eine ganze Heerschar von Historikern wurde an den Universitäten bestallt, um die Tragfähigkeit des Faschismusbegriffes zu beweisen. Dies alles geschah unter strikter Leugnung einiger Tatsachen. Und auch zahlreiche Werke aus der Zeit vor 1941 wurden verbrannt. Tatsachen mussten zum Verschwinden gebracht werden.

In ihrem Buch „Mein Weg zur Freiheit“ berichtet Vera Lengsfeld sehr anschaulich, wie ganze Bibliotheken im Jahr 1956 gesäubert werden mussten:

„Ich musste die Bücher in das Heizhaus schaffen, wohin wir immer unser Altpapier brachten. Oberhalb der vier Öfen waren eiserne Stege gebaut, über die man zu den Feuerklappen gehen konnte. Man musste den Heizer rufen, der dann kam und alles in die Flammen schmiss. „

Der hier schreibende Blogger hatte immer wieder Gelegenheit, einige verbleibende Werke der genannten Diktatoren Mussolini, Lenin, Stalin, Hitler im Original und in den originalen Sprachen in Händen zu halten. Daneben konsultierte ich viele originale Zeitungen aus den 20er und 30er Jahren, bereiste Italien, Russland und Deutschland, sprach mit Überlebenden der drei Diktaturen (faschistisches Italien, Sowjetunion, nationalsozialistisches Deutschland).

Ich meine also zusammenfassend: Ja, die Nationalsozialisten waren durchaus Sozialisten, aber eben nicht im Sinne der kommunistischen Internationale, sondern in ihrem eigenen, nationalistisch-kollektivistischen Sinne. Sie verfolgten eine übersteigerte Ideologie, den Wahn von Rasse und Nation. Einem ähnlich übersteigerten Wahn hingen die marxistischen Sozialisten an: der Ideologie vom Klassenkampf, dem Wahn von der Diktatur des Proletariats. Beide Ideologien, Nationalsozialismus und marxistischer Sozialismus, haben im Namen eines übergeordneten Ziels ungeheure Verbrechen begehen lassen.

Nicht erst Hannah Arendt, sondern bereits Mussolini, Lenin, Stalin und Hitler sprachen ausdrücklich von einem strukturverwandten, einem totalitären Politikansatz.

Ich meine abschließend: Die Selbstbezeichnung Nationalsozialisten sollte durchaus beibehalten werden. Sie gibt das Selbstverständnis, die extreme Konkurrenz der Nationalsozialisten zu den Sozialisten der Internationale und auch die recht ähnlichen Methoden sowohl der internationalistischen wie der nationalistischen Sozialisten zutreffend wieder. Der italienische Faschismus, und nur dieser, sollte allerdings eigenem Wunsch folgend weiterhin Faschismus genannt werden. Seine Genese aus dem italienischen Sozialismus wäre ein lohnendes Forschungsgebiet.

Beitrag von Johannes Hampel

3 Antworten to 'Faschisten raus aus Friedrichshain-Kreuzberg!'

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  1. Christian said,

    1933 hatten sich die bürgerlichen Parteien aus Angst vor der Sowjetunion den Nationalsozialisten zugewandt, als es keine rein demokratische Koalitionslösung im Reichstag mehr gab. Heute würde es andersherum laufen. Ob das Ergebnis besser wäre, ist sehr fraglich.


  2. […] sich maßgeblich gegen alles nur denkbar Linke. Der Wahlkampfblog offeriert Beiträge mit dem Versuch Nationalsozialismus mit Sozialismus am Wortlaut allein zur Gleichnis zu bringen. Sich einmal gegen rechte Gewalt zu stellen blieb ihr auf der […]

  3. waehltvera said,

    Dicht daneben ist auch vorbei
    Erst mal schönen Dank für das nette Foto. Gegen Friedrichshain-Kreuzberg habe ich nun wirklich nichts. Höchstens gegen Leute, die es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen, um ihre Kampagnen zu fahren. Ich war nie Autorin der JW. Ich habe nie etwas für diese Zeitung geschrieben. Im Gegensatz zu JW und ND. Da wird mir die Autorenschaft aber nie vorgeworfen. Passt wohl nicht ins Feindbild. Ich habe nie gegen „alles Fremde“(was für ein Ausdruck!) im Lande gekämpft, sondern im Zusammenhang mit dem Moscheebau in Pankow auf den Antisemitismus und die Frauenfeindlichkeit der Amadiyya hingewiesen. Das ist ein Unterschied, wie Tag und Nacht. Ich bin auch nicht gegen „alles Linke“, sondern nur gegen linke Lügen und Intoleranz. Dass Antifa-Aktivisten , nicht mich, sondern das Opfer eines Neonaziüberfalls bespuckt hat, weil der Mann neben mir stand bei einer Demo „gegen rechts“, bleibt eine Schande für die Antifa und den Veranstalter der Demo, unabhängig davon, ob die Medien daraus einen „Skandal“gemacht haben , oder nicht. Wer Andersdenkende bespuckt und verprügelt ist selbst nicht besser, als die, die er zu bekämpfen vorgibt. Die Geschichte hat es oft genug gezeigt: die Gesinnung wechselte, aber die Methoden blieben gleich. Deshalb kann nur konsequente Ächtung aller Gewalt die richtige Lehre aus der Geschichte sein.


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