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Atheismus in der DDR

Posted in 1 von waehltvera - 3. Juni 2009

Am 31.Mai 1981 passierte in Eisenhüttenstadt, ehemals Stalinstadt, die erste sozialistische Stadt in der DDR, etwas Unerhörtes: ausgerechnet hier wurde der erste Kirchenneubau des Arbeiter-, und Bauernstaates geweiht. Die „Friedensgemeinde“ war Provokation und Niederlage zugleich für die herrschende SED. Eisenhüttenstadt sollte die erste atheistische Stadt werden und es bleiben. Das es nicht so kam, war dem Engagement eines Mannes zu verdanken: Pastor Heinz Bräuer. Anfang der 50er Jahre zog der Gottesmann mit den Arbeitern, die Stadt und Stahlwerk auf der grünen Wiese errichteten an die Oder und begann einen einsamen Kampf gegen den erzwungenen Atheismus des Regimes. Anfangs hielt er seine Gottesdienste in einem Bauwagen ab, dann in einer Baracke. Er musste mit ansehen, wie seine Gemeinde, von 2000 Mitgliedern , die er sich aufgebaut hatte, unter dem Druck des Staates immer mehr schrumpfte. Die Kirchenbaracke wurde oft beschädigt, einmal zerstört, aber immer wieder repariert und aufgebaut. Die erste große Austrittswelle aus der Evangelischen Kirche gab es 1957 auf dem Höhepunkt einer massiven Antireligionskampagne der SED. Damals verließen Millionen die Kirche. In Zeitungen, im Rundfunk, in den Versammlungen in Betrieben, Institutionen, Universitäten und Schulen wurde gegen die Kirche Front gemacht. Pfarrer wurden mit dem Rattenfänger von Hameln verglichen, die Kinder mit zweifelhaften Mitteln in die Kirche locken würden, der Kirche wurden schmutzige Geldgeschäfte wie Währungsschiebereien vorgeworfen. Vor allem sollte sie den Fortschritt behindern, der Wissenschaft und damit dem Wohl des Menschen entgegenstehen. Schon im Kindergarten wurde klar gemacht, dass reaktionär ist, wer zum Religionsunterricht geht. Ich kann mich noch genau erinnern, wie diese Propaganda auf mich wirkte: ich sah den Nachbarskindern , die mit Buntstiften und Malblöcken bewaffnet die Treppen zum neben dem Kindergarten gelegenen Pfarrhaus hinaufstiegen, mit einer Mischung aus Faszination und Grauen hinterher. Wie konnte man freiwillig in die Höhle des fortschrittsfeindlichen Löwen gehen?
Vor allem machte die SED den Erwachsenen klar, dass eine Karriere im Arbeiter-, und Bauernstaat mit dem christlichen Glauben nicht vereinbar war. Pfarrerskindern wurde es schwer oder unmöglich gemacht, das Abitur abzulegen oder zu studieren. Eine Ausweichmöglichkeit boten nur die wenigen kirchlichen Bildungseinrichtungen. Die Partei setzte das unmissverständliche Bekenntnis zur marxistisch-leninistischen Weltanschauung, also zum Atheismus für den Besuch höherer Bildungseinrichtungen voraus. Aber auch im Berufsleben war Atheismus Voraussetzung für eine Karriere. So traten ganze Brigaden, Seminare oder Abiturklassen geschlossen aus der Kirche aus und oft hinterher in die SED ein.
Ein Schwerpunkt war die atheistische Erziehung der Kinder und Jugendlichen, die in allen Kindergärten, Schulhorten und Klassenzimmern stattfand. Als Gegenstück zur Konfirmation und Kommunion führte das Regime Jugendweihen ein. Es wurde angestrebt, dass jede Klasse vollzählig die Jugendweihe erhielt. Wer sich verweigerte, musste mit andauernden Schikanen rechnen. Deshalb gingen christliche Eltern dazu über, ihre Kinder erst zur Jugendweihe, danach zur Konfirmation gehen zu lassen. Die Schwierigkeit dabei war, dass von Seiten der herrschenden Partei immer wieder die Unvereinbarkeit von Christentum und Sozialismus behauptet wurde. So stand in der „Jungen Welt“, dem „Zentralorgan“ der sozialistischen Staatsjugend auf die Frage eines Lesers, ob man als Christ auch Mitglied der SED werden könne folgende Antwort des Chefideologen der SED, Professor Gerhard Eisler: „Wenn sie, lieber Freund, der Evangelischen Kirche angehören und trotzdem Mitglied der SED werden wollen, so ist das möglich. Aber Sie müssen sich dann darüber klar sein, dass Sie sich durch Ihren Eintritt freiwillig verpflichten, die Weltauffassung des Marxismus- Leninismus zu vertreten. Wenn sie aber das Bedürfnis haben, den Protestantismus zu vertreten, für ihn zu werben, können Sie das als Mitglied der SED nicht tun.“ Gleichzeitig unternahm die Partei große Anstrengungen, Pfarrer, Priester oder auch kirchlich aktive Laien in staatlich gelenkte christliche Organisationen zu leiten. Zu diesem Zwecke wurden eine ganze Reihe Arbeitsgemeinschaften bei der Nationalen Front, dem Friedensrat, der Christlich-demokratischen Union zu gegründet. Ziel war es , die Christen zur Linientreue gegenüber dem Sozialismus zu bringen. Diese konzertierte Aktion hatte schließlich Erfolg. Besonders nach dem Bau der Mauer, die lebendige Kontakte zwischen der Kirche und ihren Gläubigen in Ost und West fast unmöglich machte, begann die Evangelische Kirche der DDR sich als ein austrocknender Zweig der Westkirche zu sehen. Ende der 60er Jahre zog sie die Konsequenz aus der staatlichen Teilung und trennte sich administrativ von der EKD, der Evangelischen Kirche in Deutschland. Der Bund der Evangelischen Kirchen der DDR wurde gegründet, der später die Voraussetzung war für Gespräche zwischen Staat und Kirche. Im Gegensatz dazu hielt die kleine katholische Diaspora-Kirche an ihrer Westbindung fest und ließ sich nie auf nähere Beziehungen zum sozialistischen Staat ein. Die Annäherung der Evangelischen Kirche an den SED-Staat gipfelte am 6. März 1978 in gegenseitigen Vereinbarungen, in denen der Kirche zugestanden wurde, eine eigenständige gesellschaftliche Größe im Staat zu sein. Dafür erkannte die Kirche an, „Kirche im Sozialismus“ zu sein, was offen ließ, ob sie Kirche für den Sozialismus sei, wie der damalige Konsistorialpräsident Manfred Stolpe es auslegte, oder ob sie nur den sozialistischen Staat als solchen akzeptierte. Im weiteren Verlauf der Geschichte sollte sich ein zunächst marginal erscheinendes Zugeständnis des SED-Staates an die Kirche als geradezu umstürzlerisch herausstellen. Ihr wurde die alleinige Verfügungsgewalt über ihre Räume eingeräumt. Was in einer demokratischen Gesellschaft selbstverständlich ist, hatte in der DDR eine nicht zu unterschätzende Sprengkraft. In kirchlichen Räumen durfte die Staatsicherheit keine Verhaftungen vornehmen, keine Versammlungen auflösen, keine Ausstellungen abbauen und keine Veranstaltungen verbieten. Angesichts der leeren Kirchen der siebziger Jahre, die fast nur noch von alten Leuten besucht wurde, erschien es ungefährlich, der Kirche diese Souveränität zu geben. Anfang der 80er Jahre wurde dieser Freiraum von den Oppositionellen entdeckt und genutzt. In den Räumen der Evangelischen Kirche entstanden die Bürgerrechtsgruppen, die sich bald über die ganze DDR verteilten.
Im Jahr 1988 gab es über 3000 aktive Bürgerrechtler, die in hunderten Kreisen organisiert waren. Einer davon war der Montagskreis der Nikolaikirche in Leipzig, von dem im September 189 die Montagsdemonstrationen ausgingen, die sich wie ein Flächenbrand über das ganze Land ausbreiteten und erst die Mauer zum Einsturz, dann die DDR zum Verschwinden gebracht haben. In jenen Monaten waren die Kirchen voll. Optimisten wollten darin einen Trend zurück zum Christentum erkennen. Schließlich ist das Gebiet der ehemaligen DDR das des am tiefsten verwurzelten Protestantismus der Welt. Aber das erwies sich als Irrtum. Vierzig Jahre SED- Herrschaft haben ein weitgehend entchristlichtes Land hinterlassen. Und eine Evangelische Kirche , die ihre Aufgabe eher darin zu sehen scheint, sich sozialen und politischen Fragen zu widmen, als den Glauben zu verbreiten. Was fehlt, sind viele Heinz Bräuers, die in geduldiger Arbeit Gemeinden um sich versammeln, um das Wort Gottes zu verkünden. Heinz Bräuer hat bewiesen, dass der Glaube wirklich Wunder vollbringen kann. Solche Wunder, wie es eine Kirche mitten in einer atheistischen Stadt ist. Die Hoffnung ist, dass es das Wunder des Glaubens immer wieder geben kann.

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