Waehltverablog


Das alltägliche Unrecht

Posted in 1 von waehltvera - 27. Mai 2009

Die DDR war, als sie zusammenbrach, restlos diskreditiert. Die Bürger kehrten ihr
scharenweise den Rücken, die SED schmolz vor aller Augen auf ihren harten Kern unbelehrbarer Kader zusammen, denen die Trümmer ihrer gescheiterten Ideologie um die Ohren flogen. Um ein Haar wäre sie von den von Scham und Reue geplagten Delegierten des letzten SED-Parteitags im Dezember 1989 aufgelöst worden, was der kurz darauf zum letzten Vorsitzenden avancierte Gregor Gysi mit dem Hinweis auf das zu verlierende Vermögen verhinderte. Die SED verlor in wenigen Monaten über zwei Millionen Mitglieder, obwohl ihr schnell das Etikett PDS, Partei des Demokratischen Sozialismus, angehängt wurde. Sogar die Stasi wollte nicht mehr Schild und Schwert der Partei sein, sondern ein Geheimdienst, wie jeder andere. Sie wurde trotzdem aufgelöst. .Zwei Jahre nach dem Verschwinden der Staatssicherheit wurden ihre Akten geöffnet.
Die dabei zum Vorschein kommenden Maßnahme-, und Zersetzungspläne zur systematischen
Zerstörung von Menschen zeigten die Fratze eines Systems, von dem es kein menschliches Antlitz geben konnte. Dass die DDR eine Diktatur war, die ihre Bürger hinter Mauern einsperrte, denen man bei Strafe des Verlusts seines Lebens nicht zu nahe kommen durfte, wusste Anfang der neunziger Jahre jedes Kleinkind.
Zwanzig Jahre nach dem schmachvollen Abgang aus der Geschichte wird nun eine absurde Debatte geführt, wie viel Unrecht nötig sei, um die Bezeichnung „Unrechtsstaat“ zu rechtfertigen. Die DDR habe keine Kriege geführt, sich keiner Massenvernichtung schuldig gemacht. Dazu fehlte es ihr an der nötigen Staatssouveränität. Es besteht aber kein Zweifel, dass die DDR jeden Krieg der Warschauer- Pakt-Staaten mitgeführt hätte. Als fester Bestandteil des Kommunistischen Blocks ist sie mitverantwortlich für die Massenmorde, die von der Sowjetunion an ihren politischen Gegnern, oder wer dafür erklärt wurde, verübt hat. Was die eigenen politischen Gegner betraf, war die DDR keineswegs zimperlich. Davon zeugen die Gefängnisse der Staatssicherheit in Berlin, Bautzen und anderswo. Wer sich informieren will, was Isolationshaft wirklich bedeutet sollte einen Besuch nicht scheuen.
Gab es nicht auch gute Seiten an dem System, zum Beispiel das kostenlose Gesundheitswesen? Das konnte sich, wenn man Normalbürger war, nicht nur als sehr schmerzhaft erweisen, wenn die Zähne bis auf den Nerv ohne Betäubung gebohrt wurden, sondern auch als tödlich, falls man auf eine künstliche Niere angewiesen war, oder auf ein Medikament, das von der volkseigenen Arzneimittelindustrie nicht zur Verfügung gestellt werden konnte. Das Dreiklassensystem im Gesundheitswesen, in dem ein Patient nicht die Behandlung bekam, die er brauchte, sondern die ihm zustand und ein Arzt sich strafbar machte, wenn er Medikamente für Funktionäre an normale Patienten vergab ,ist ein Beispiel dafür, wie das System seine Bürger zwang, alltäglich Unrecht zu erdulden oder zu verüben.
Erschienen in der „Welt“ am 2.5.2009

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