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Hoffnung statt Resignation – Ein Besuch bei der „Arche“

Posted in 1 von waehltvera - 3. April 2009

Vera Lengsfeld, die bei der Bundestagswahl am 27. September 2009 als Direktkandidatin in Friedrichshain-Kreuzberg und Prenzlauer Berg Ost antritt, berichtet:

Wußten Sie, dass 39% aller Kinder in Berlin Hartz IV- Empfänger sind? Wussten sie, dass 55% aller Familien mit mehr als zwei Kindern von Hartz IV- Leistungen leben?
Daß 80% der alleinerziehenden Mütter Transferleistungen beziehen? Das ist die Statistik. Was sich dahinter verbirgt, kann man in den Häusern der „Arche“ sehen.
Die „Arche“ ist ein christliches Kinder- und Jugendwerk. Gegründet wurde es von Pastor Bernd Siggelkow, dessen Berufung es ist, in Not lebenden Kindern beizustehen, ihnen eine warme Mahlzeit, Geborgenheit und, was mehr ist, einen Chance zu bieten, aus der Hoffnungslosigkeit zu entkommen.
Armut in unserem reichen Land, wo die Armutsgrenze auf 60% des Durchschnittseinkommens festgelegt ist, wo mancher Transferleistungsempfänger über mehr Einkommen verfügt, als ein Arbeiter im Niedriglohnbereich? Arm mit einem Plasmafernseher, wie ihn sich mancher Mittelstandshaushalt nicht leistet?
Wenn man die Kinder beobachtet, die sich nach der Schule im Arche-Haus in Berlin-Friedrichshain treffen, wird sehr schnell klar, dass Armut heute nicht mehr materielle Not bedeutet, obwohl diese Kinder häufig auch an materiellem Mangel leiden. Armut in unserer Wohlstandsgesellschaft bedeutet Mangel aus Verwahrlosung. Wir haben ein akutes Wohlstandsverwahrlosungsproblem. Diese Kinder leiden unter einem chronischen Mangel an Aufmerksamkeit, Zuwendung und Liebe. Sie wachsen zum Teil bei Müttern auf, die schon im Teenager-Alter Kinder bekamen und unfähig sind, ihren Sprösslingen die Liebe zu geben, die sie selbst nie empfangen haben. Diese Kinder gehen morgens in die Schule, ohne ihre Eltern, die sich nicht aus dem Bett bewegen, gesehen zu haben, oft ohne Frühstück. Sie kommen nachmittags in eine verwahrloste Wohnung mit laufendem Fernseher zurück, wo sie die wechselnden Partner ihrer Mütter vorfinden, zu denen sie zu gern „Papa“ sagen würden, selbst wenn dieser Mann sie schlägt. Die Bildungsferne dieser Kinder ist beinahe unvorstellbar. Sie kennen nur ihren eigenen Kiez. Die Friedrichstraße, den Zoo, den Tierpark, den Fernsehturm, das Brandenburger Tor kennen sie nur vom Hörensagen oder vom Bildschirm. Bevor sie zur Arche kamen, waren sie kaum mit Büchern in Berührung gekommen. Sie haben keine Vorstellung von der Welt. Wolfgang Büscher, der Pressesprecher der „Arche“ erzählt, dass ein Junge, der mit einem Bus fuhr, schon nach zwanzig Minuten fragte, ob man jetzt schon in Holland sei.
Das Schlimmste ist, dass diesen Kindern niemand ihren Wert vermittelt hat. Sie konnten kein Selbstbewußtsein entwickeln und sind von daher zutiefst verunsichert. Was immer man ihren Eltern zum Vorwurf machen kann, die Kinder trifft keine Schuld. Sie sind ihrem Schicksal hilf-, und hoffnungslos ausgeliefert. Es sei denn, sie haben die Gelegenheit, in die „Arche“ zu kommen. Hier werden sie nicht nur mit Essen versorgt und haben die Gelegenheit, ihre Nachmittage sinnvoll zu verbringen. Sie erhalten Hilfe bei den Hausarbeiten und Rat in allen Lebenslagen. Pastor Siggelkow lässt seine Bürotür immer offen, damit alle zu ihm kommen können. Nicht nur er, alle seine Mitarbeiter sind oft über ihre eigentliche Arbeitszeit hinaus für die Kinder und ihre Probleme da. Deutschlands vergessene Kinder, wie ein Buch von Siggelkow und Büscher heißt, erfahren hier, dass sie ein Wert an sich sind und geliebt werden.
Dank der unermüdlichen und geschickten Öffentlichkeitsarbeit von Bernd Siggelkow und Wolfgang Büscher mangelt es der „Arche“ nicht an Unterstützern. Sie hängt nicht am Staatstropf. Die Unterstützung der Politik hält sich in Grenzen, geht oft nicht über Lippenbekenntnisse hinaus. Einer Partei, die sich lautstark ihr angebliches Engagement für die Schwachen unserer Gesellschaft zugute hält und die sich jetzt gerade „Linke“ nennt, ist die Tätigkeit von Pastor Siggelkow regelrecht ein Dorn im Auge. Nach dem Besuch von Linksparteipolitikern in der „Arche“ gab es eine regelrechte Dreckskampagne gegen Siggelkow. Ein Boulevard-Blatt stellet die süffisante Frage: „Pastor Siggelkow zu nah an den Kindern?“ Siggelkow reagierte umgehend mit einem Anruf bei Linke- Politikerin Petra Pau und drohte mit einer Anzeige, wenn die Kampagne nicht sofort beendet werden würde. Mit Erfolg. Pau entschuldigte sich sogar für ihre Partei. Aber der Schaden war groß. Zu viele hatten den Artikel gelesen und hatten nun Angst, dass die „Arche“ geschlossen werden könnte. Wolfgang Büscher kommentierte den Vorgang: „Nach diesem Erlebnis wurde mir zum ersten mal klar, was die Methoden der SED waren und heute noch sind.“ Indessen wächst die „Arche“.
Immer mehr Häuser werden eröffnet. So segensreich diese Einrichtung ist, sie kann den Kindern die Familie nicht ersetzten. Aber das ist es, was die Kinder vor allen anderen Dingen wollen: Eltern, die sich um sie kümmern, die sie lieben, die ihnen Geborgenheit geben. Eine Politik, die das übersieht macht sich mitschuldig. Wir brauchen eine Familienpolitik, die diesen Namen wirklich verdient. Die Kinder brauchen die Unterstüzung der ganzen Gesellschaft, nicht, weil sie hilfsbedürftig sind, sondern weil die Gesellschaft nicht auf sie verzichten kann.

2 Antworten to 'Hoffnung statt Resignation – Ein Besuch bei der „Arche“'

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  1. Zustimmung, Frau Lengsfeld! Die Arche kenne ich nicht aus eigener Anschauung, aber ich habe mit vielen Berliner Erzieherinnen und Lehrerinnen gesprochen – und ich habe mit vielen Kindern gesprochen. Ich muss Ihnen leider zustimmen: Wir haben ein massives Wohlstandsverwahrlosungsproblem! Das sehe ich tagtäglich, und selber bin ich als Vater auch keineswegs frei von Versuchungen, „den anderen“, „dem Staat“ die Verantwortung für die Erziehung zuzuschieben und mich in die Büsche zu schlagen.

    Leider sind Sie eine der wenigen Politikerinnen, die überhaupt den Mut haben, dies auszusprechen. Leider dreht sich die jetzige vielgerühmte Familienpolitik unserer Bundesregierung fast ausschließlich um das Zweitbeste, das wir haben: Geld. Das beste, was wir haben, ist aber: starke Familien. Familien, die sich als Verantwortungsgemeinschaft begreifen und sich nicht auf den Staat verlassen. Die eklatanten Versäumnisse vieler Eltern versucht man durch Überlegungen zur Einführung einer Ganztagsschule zu übertuschen.

    Was haben wir uns als Jugendliche nicht gegen die „konservative Familienideologie“ gewehrt! Heute weiß ich: starke Familien, in denen VÄTER und Mütter sich um die Kinder kümmern, sich ihnen zuwenden, ihnen Opfer an Zeit, Geld und Selbstverwirklichungspotenzial bringen, sind die beste Gewähr für ein gelingendes Leben. NICHT der fürsorgliche Staat.

    Und als Volkswirtschaft müssen wir ein überragendes Interesse an funktionierenden Familien haben. Das sei aber nur nebenbei gesagt.

    Mir fällt auf, dass kein einziger Leserkommentar zu Ihrem Beitrag hier erschienen ist. Keine vernichtende Kritik, keine hymnische Zustimmung, kein Sowohl-als-auch. NICHTS.

    Ich glaube nicht, dass Sie hier eine Zensur ausüben?? Denn anderswo lassen Sie ja auch negative Kommentare zu. Und wenigstens einen positiven Kommentar hätten Sie doch zugelassen. Wie diesen hier, der somit der erste ist. Hurra!

    DIESES Thema ist viel wichtiger als der Streit um Ihre Plakate. DAS lässt tief blicken, wie Volkes Seele tickt und kocht.

    Trotzdem: Machen Sie weiter mit diesen Themen!

    Johannes Hampel

    • waehltvera said,

      Wir schalten alle negativen UND auch positiven Kommentare möglichst umgehend frei, außer denen, die grob sittenwidrig, rassistisch, beleidigend oder gesetzwidrig sind. Ihr Kommentar war wirklich der erste. Dafür danke. Das Team


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