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Gestatten, ich bin Friedrichshain-Kreuzbergerin!

Posted in Friedrichshain-Kreuzberg von waehltvera - 2. April 2009

Beitrag von Ivonne Wehrl

Friedrichshain-Kreuzberg ist ein einzigartiger Bezirk. Es leben hier viele Menschen unterschiedlicher Nationen, Kulturen und Ethnien. Neben Wasser, Parkanlagen und Brachflächen, neben den Bars, Cafés und anderen Ausgehmöglichkeiten, macht der Reiz dieses Bezirks die Bereitschaft der Menschen aus, sich ehrenamtlich zu engagieren. Es existieren deswegen in Friedrichshain-Kreuzberg wohl mindestens genauso viele Arten bürgerschaftlichen Engagements wie die herkömmlichen Formen (Sportvereine, Kirchen und Parteien). Das finde ich als Wahl-Berlinerin besonders gut.

Viele sagen deswegen auch, dass die hier lebende Spezies Mensch „alternativ“, „weltoffen“ und „tolerant“ ist, und nach „sozialer Gerechtigkeit“ strebt. Aber was heißt das? Und trifft das wirklich zu?

Sind wir Friedrichshain-Kreuzberger „alternativ“? Das kann ich schlichtweg nicht beantworten. Weiß ich doch gar nicht, was man als „alternativ“ bezeichnen kann. Sind vielleicht die Wagenburgler oder Hausbesetzer in Bethanien „alternativ“? Dann möchte ich nicht als „alternativ“ bezeichnet werden.

Vielleicht möchte aber die Mehrheit der Bewohner „alternativ“ sein? Vielleicht heißt es diese beispielsweise gut, dass die ursprünglichen Nutzer von Bethanien, die Künstler um Herrn Tannert, weiterhin eine ordentliche (und erst jüngst verdoppelte) Miete zahlen müssen und unter Schäden leiden, die ihnen die Besetzer seit mehr als zwei Jahren zufügen, ohne dass diese eine Miete für die Räumlichkeiten aufbringen, welche die Betriebskosten für ihre eigene Nutzung des Gebäudes abdeckte?

Sind wir „tolerant“? Ich wünschte es mir sehr, obgleich ich angesichts der regelmäßigen Brandanschläge auf Autos auch hier keinen Grund zur Bestätigung sehe. Denn es sind nicht nur die paar Brandstifter, die mich an der Toleranz der hier lebenden Menschen zweifeln lassen. Es ist vor allem die Reaktion der Massen darauf, die einen schweigen und fördern damit weitere Brandanschläge, die anderen verteidigen gar solche Brandanschläge als „soziale Bereinigung“. In einem Bezirk, in dem die Toleranz gegenüber Andersdenkenden oder Anderslebenden so gering ausgeprägt ist, dass sie vor Menschen mit einem teuren (oder manchmal auch nur vermeintlich teuren) Auto halt macht, möchte ich außerdem nicht leben.

Und wie halten wir es mit der „Weltoffenheit“? Mein persönlicher Eindruck ist der, dass wir sehr wohl weltoffen gegenüber Menschen anderer kultureller Herkunft sein können, es aber aus falsch verstandener Toleranz heraus nicht immer sind. Das finde ich besonders schade.

So darf man meiner Meinung nach nicht glauben, dass je freigiebiger man mit den eigenen Werten umgeht, desto „weltoffener“ ist man. Interesse anderen Kulturen entgegenzubringen bedeutet nicht die eigene Kultur aufzugeben. Im Gegenteil, die Aufgabe der eigenen (Kultur)Werte und Preisgabe der eigenen Prinzipien führt dazu, dass Träger anderer Kulturen angesichts unserer Gleichgültigkeit gegenüber der eigenen Kultur kein Interesse an unseren Werten bzw. Prinzipien aufbringen (können) und ein Austausch zwischen den Kulturen nicht mehr stattfindet. Dies erst bedingt die Gefahr, dass Parallelgesellschaften entstehen.

Das Resultat: Immer noch werden elementare Rechte von Frauen und Mädchen, wie das Recht auf Selbstbestimmung bei der Wahl Kleiderwahl, bei der Wahl des Ehepartners und bei der Wahl der Religionsangehörigkeit, in Berlin verletzt. So ist beispielsweise die Zahl der Zwangsheiraten in Berlin im letzten Jahr gestiegen.

Wir müssen das Einhalten rechtsstaatlicher Prinzipien und den Respekt vor unserem Wertekanon aktiv einfordern, eine zu liberal-tolerante Einstellung der Gesellschaft, insbesondere aber der verantwortlichen Politiker, gegenüber den Eigenheiten und Bräuchen anderer Kulturen und Ethnien wird vielen (Frauen) zum Verhängnis und ist damit verantwortungslos.

Mit dem Begriff der „sozialen Gerechtigkeit“ tue ich mir am schwersten. Was heißt das? Oft ist damit, so scheint es mir zumindest, lediglich der finanzielle Ausgleich bzw. Umverteilung von oben nach unten gemeint. Ich möchte nicht falsch verstanden werden: ich finde es richtig und wichtig, dass wir als Gesellschaft, den Schwachen und Hilfebedürftigen helfen. Ich verwehre mich aber gegen die Idee, dass jeder – unabhängig davon, was er leistet, das Gleiche am Schluss in der Tasche hat. Gleichmacherei bedeutet für mich einen Verlust an Vielfalt und bewirkt, dass wichtige Werte, die für die gesellschaftliche, soziale und kulturelle Weiterentwicklung unabdingbar sind, verloren gehen.

Und warum ist es eigentlich so chic, sich für „soziale Gerechtigkeit“ einzusetzen, dagegen aber fast schon verpönt, für konsequente Chancengerechtigkeit zu werben? Wäre es nicht gerechter und interessanter, es wie Vera Lengsfeld zu halten, das heißt sich für Freiheit und Fairness zu einzusetzen, statt für Gleichheit und Gerechtigkeit?

Fazit: Ich kann mich nicht als „alternativ“ und „tolerant“ oder „weltoffen“ bezeichnen noch strebe ich nach „sozialer Gerechtigkeit“ – zumindest nicht nach den in diesem Bezirk angeblich herrschenden Maßstäben. Und dennoch bin ich Friedrichshain-Kreuzbergerin.

Erlauben Sie mir schließlich, eine Reihe von Fragen zu stellen: Vertrete ich eine Einzelmeinung? Welche Werte sind Ihnen bzw. Euch denn wichtig? Und, in was für einem Bezirk wollen wir leben?

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Eine Antwort to 'Gestatten, ich bin Friedrichshain-Kreuzbergerin!'

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  1. Steffen said,

    Bemerkungen zur Gleichheits-Ungleichheits-Debatte:

    1. Ungleichheit macht eine Gesellschaft dynamisch, weil Leistung belohnt wird, obwohl Extreme natürlich vermieden werden müssen. Zu große Ungleichheit verführt dazu, sich nicht mehr an die Regeln des Spiels zu halten (z.B. Gewaltkriminalität in Brasilien).

    2. Eine liberale Gesellschaft sollte akzeptieren, dass Menschen unterschiedliche Präferenzen bezüglich Gleichheit haben – dies ist ja offensichtlich der Fall. Nur müßte es ermöglicht werden, dass Menschen, die sich viel Gleichheit und Solidarität wünschen, sich in eben solchen Verbünden zusammenschließen können und Menschen für die Freiheit und Individualismus wichtig sind, diese voll und ganz ausleben können. Skandalös ist, dass sich der Staat zur Zeit anmaßt, allen seinen Bürgern ein Standardniveau an Gleichheit und Freiheit aufzuzwängen. Es liegt in der Natur der Sache, dass damit nur die Wenigsten zufrieden sind.

    Friedrichshain-Kreuzberg wird erst dann wirklich tolerant und liberal, wenn diese Unterschiedlichkeit der Präferenzen akzeptiert und gelebt wird. Brandanschläge auf Autos sind natürlich ein Schritt in die falsche Richtung.


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