Waehltverablog


Ein Besuch im Künstlerhaus Bethanien und in der Thomas-Gemeinde

Posted in Friedrichshain-Kreuzberg von waehltvera - 17. Februar 2009

Das Künstlerhaus Bethanien gehört zu den Legenden von Berlin, von denen man auch hinter der Mauer gehört hat.
Entsprechend gespannt sind wir bei der zweiten Wahlkreisbegehung, es näher kennenzulernen. Das Gebäude des ehemaligen Diakonissen-Krankenhauses beherrscht die Westseite des Mariannenplatzes, dessen Grünflächen so wie der das Haus umgebende Park von dem berühmten Landschaftsarchitekten Peter Joseph Lenné gestaltet wurde.
Lenné würde sich heute allerdings im Grabe umdrehen, sähe er, in welchem Ausmaß seine Anlage der Verwahrlosung überlassen wurde.

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Vor dem Haus werden wir von Herrn Tannert, dem Projektleiter des Künstlerhauses Bethanien begrüßt. Er lädt uns ein, erst einmal einen Rundgang durch die Außenanlagen zu machen, um uns einen Eindruck von der Situation zu verschaffen. Der ist allerdings verheerend. Das ehemalige Schwesternwohnheim wurde bereits 1971 von Hausbesetzern in Beschlag genommen. Es soll heute ein „Jugend- und Kulturzentrum“ beherbergen, allerdings weist von außen nichts darauf hin. Es sieht eher nach „Ruinen schaffen ohne Waffen“ aus, dekoriert mit Müll und Schrott.

Geht man auf die Website der Besetzer, erfährt man, dass derzeit 40 Menschen hier wohnen sollen, die sich hehren Zielen verpflichtet sehen. Unter anderem wollen sie das Gebäude sanieren. Irgendetwas muss dazwischen gekommen sein. Von Sanierung ist nicht mal ansatzweise etwas zu sehen.
Neben dem besetzten Haus befindet sich eine Art Wagenburg aus bewohnten Schrottvehikeln und alten Bauwagen, hochtrabend „Kreuzdorf“ genannt. Ein Ausläufer dieser Wagenburg befindet sich auf der anderen Straßenseite, schon auf dem Gebiet von Mitte. Wir befinden uns im Bereich des ehemaligen Todesstreifens. Vor kurzem mussten die Bewohner dieser Siedlung den Abriss eines Bretterzaunes hinnehmen, denn der Bezirk will einen Teil der Lennéschen Anlage entlang der ehemaligen Krankenhausmauer rekonstruieren. Ein Eckstück der Backsteinmauer wurde zur Zierde wieder errichtet, aber umgehend mit Graffiti verschmiert. „Nie wieder Mauer“ lesen wir und begreifen, dass die Besetzer das Monopol auf Errichtung von Abgrenzungen haben wollen.
Herr Tannert erzählt uns beim Weitergehen, dass die zweiten Hausbesetzer diesmal zwei Etagen des Südflügels des Hauptgebäudes vereinnahmten, ihr Vorgehen damit begründeten, das Künstlerhaus Bethanien müsse ein öffentlicher Ort bleiben.
Aber genau das ist er immer gewesen. Alles, was die Besetzer forderten, Kinderbetreuung, Cafe, öffentliche Veranstaltungen, Künstlerateliers, hat es vor der Besetzung bereits gegeben. Seit drei Jahren bleiben die Besetzer ihr Konzept, von dem immer die Rede war, schuldig. Was sich seit der Besetzung sichtbar verändert hat, ist die Verwahrlosung der Umgebung des Gebäudes. Die Besetzer leisten keinerlei Beitrag zum Unterhalt des Hauses. Die Kosten der Besetzung wurden auf die Institutionen umgelegt, die das Künstlerhaus ausmachen. Die Miete für das Künstlerhaus sollte verdoppelt werden.

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Das hat dazu geführt, dass die Künstler ausziehen werden. Sie haben Ateliers bei dem Sohn des bekannten Sammlers Berggruen gefunden, ein Kunstmäzen wie sein Vater. Den Namen „Künstlerhaus Bethanien“ nehmen sie mit. Sie hinterlassen eine riesige Lücke, von der im Augenblick niemand weiß, ob und wie sie gefüllt werden kann.

Die BVV wird ihren Beschluss, aus Bethanien ein „offenes, soziales, kulturelles, künstlerisches und politisches Zentrum zu machen“, ohne die Künstler kaum erfüllen können. Die Besetzer werden am Ende möglicherweise verhindert haben, was sie bei der Besetzung anzustreben vorgaben. Auf ihrer Homepage sind alle zur Mitarbeit eingeladen, die „unsere politischen Ziele“ teilen. Per Definition wird damit der Mehrheit der Bevölkerung die Mitsprache verweigert, obwohl die Besetzer vorgeben, im Namen der „Bevölkerung“ zu handeln.
Als wir durch das Hausgehen und einen Blick in Ateliers, Musikschule, Druckwerkstatt, Cafe werfen, kommen wir auch an eine Tür zum Südflügel, die als Fluchttür offen sein muss. Dahinter liegt das Reich der Besetzer. Alle Wände des Treppenflurs sind von oben bis unten beschmiert. Es riecht nach Vernachlässigung. Wenn Hausbesitzer die peniblen Auflagen des Denkmalsschutzes nicht einhalten, drohen hohe Strafen. Hier wird ein denkmalsgeschütztes Gebäude dem Verfall preisgegeben, ohne dass das Bezirksamt Handlungsbedarf sieht.

Herr Tannert hatte uns erzählt, dass die Besetzer von Christian Ströbele vor Gericht vertreten werden. Ob Herr Ströbele wohl schon die Inschrift im Hausflur der Besetzer gesehen hat, die fordert: „Ströbele raus aus Deutschland“? Hättest du dich doch für Afrika entschieden, lieber Christian, die Afrikaner wären sicher viel dankbarer für dein Engagement gewesen.

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Wir verabschieden uns von Herrn Tannert mit dem Gefühl, noch viel über das Gesehene nachdenken zu müssen.

Dann ein paar Schritte weiter in der Thomaskirche das Kontrast-Programm. Der zweitgrößte Sakralbau Berlins ist in alter Schönheit wiedererstanden. Pfarrer Christian Müller erzählt uns die schwierige Geschichte der einst 170000 Mitglieder zählenden Gemeinde, deren Kirche im Krieg teilzerstört und die vom Mauerbau zerrissen wurde. Mehrere Jahre stand die Kirche leer. Heute hat sie eine neue Orgel, von deren Qualität wir uns bei einem kleinen Konzert überzeugen konnten, und eine kleine, aber sehr lebendige Gemeinde.

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Die Tür steht jederzeit offen. Hinter dem Chorraum, in der ehemaligen Taufkapelle befindet sich ein kleines Café, wo Obdachlose und Einsame Zuflucht, Wärme und Gesellschaft finden. Hier ist der offene Raum und die tätige Sorge um die Bedürfnisse der Mitmenschen, die in Bethanien propagiert, in der Thomas-Kirche dank Pfarrer Müller und seinen Helfern mit Leben erfüllt werden.

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